Alice Herz-Sommer

Alice Herz-Sommer 2Bereits als junges Mädchen beschloss Alice Herz, Musikerin zu werden und übte täglich stundenlang am Klavier. Auch nach hundert Jahren Üben geht sie davon aus, dass sie immer noch neue Bedeutungen in Stücken entdecken kann. Als sie krankheitsbedingt nicht mehr mit zehn Fingern spielen konnte, da zwei Finger steif geworden waren, fing sie an, die Stücke mit acht Fingern neu einzuüben.

Nach ihrem Schulabschluss am Mädchenlyzeum bewarb sich Alice Herz 1920 an der neu gegründeten „Deutschen Akademie für Musik und darstellende Künste“, an der es eine Meisterklasse für Klavier gab. Dass diese für ausgebildete Pianisten sein sollte, konnte sie wenig beeindrucken, war sie doch fest entschlossen, dort einen Platz zu bekommen. Sie wurde als jüngstes Mitglied aufgenommen und in den nächsten drei Jahren von Conrad Ansorge unterrichtet.

1924 hatte sie ihr Debüt an der Tschechischen Philharmonie mit dem ersten Klavierkonzert von Chopin. Ab dieser Zeit gab sie jährlich etwa zwei bis drei Solokonzerte in Prag und unterrichtete weiterhin.

Im Jahre 1925 lernte sie den Handelskaufmann und Kunstliebhaber Leopold Sommer kennen, den sie 1931 heiratete. 1937 kam ihr Sohn Stephan zur Welt.

In der Zeit der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis war es vor allem die Musik, an der sich Alice Herz-Sommer festhielt. Zum einen war es die Musikalität ihres Sohnes, der das absolute Gehör hatte, und zum anderen nahm sie sich vor, die 24 Etüden von Chopin einzustudieren, den vielleicht schwersten Zyklus, der je für Klavier geschrieben wurde. Längst hätte sie als Jüdin ihr Piano abgeben müssen, wurde jedoch glücklicherweise übersehen und so gab es trotz des Musik-Verbotes für Juden auch weiterhin Hauskonzerte.

Da Leopold Sommer bei der jüdischen Gemeinde arbeitete, gehörte seine Familie zu den letzten, die 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wurden. Die jüdische Selbstverwaltung dort hatte die Pianistin bereits im Voraus wissen lassen, dass sie gleich nach ihrer Ankunft im Ghetto ein erstes Konzert geben könnte. Daraus schöpfte sie die Zuversicht, dass es so schlimm schon nicht werden könne, wenn dort sogar Konzerte veranstaltet würden.

Da Alice Herz-Sommer in Theresienstadt künstlerisch aktiv sein konnte, war sie zeitweilig in der privilegierten Situation, von körperlicher Arbeit freigestellt zu sein. Als Mitarbeiterin der „Freizeitgestaltung“ war es ihr möglich, pro Tag eine halbe Stunde auf einem alten Klavier zu spielen, und so konnte sie über 100 Konzerte geben, während ihr Sohn in 55 Aufführungen der Kinderoper Bundibár mitwirkte.

Für die Gefangenen waren die Aufführungen eine Art Zufluchtsort. Die Musik spendete ihnen Trost und Hoffnung. Alice Herz-Sommer arbeitete dort auch als Musikpädagogin und gab Klavierunterricht.
Erst nach Kriegsende erfuhr sie, dass ihr Mann, der im September 1944 von Theresienstadt aus nach Auschwitz deportiert worden war, bereits kurz darauf in Dachau an Flecktyphus gestorben war.

Nach der Befreiung Theresienstadts durch die Rote Armee konnte sie für kurze Zeit nach Prag zurückkehren, war aber entsetzt von dem Antisemitismus und dem Deutschenhass, den sie dort erlebte. Statt Entschädigungen gab es nun weitere Enteignungen durch die Kommunisten. Da ihr Leben von Angst und Misstrauen bestimmt war, entschloss sie sich 1949, mit ihrem Sohn zu ihren Schwestern nach Israel auszuwandern, wo sie, wie sie später sagte, die glücklichste Zeit ihres Lebens verbrachte. Ihre ersten Jahre dort waren vom Aufbau des neuen Staates geprägt, in den sie ihr Wissen und Können als Klavierpädagogin einbringen konnte.

Ab 1975 mietete sie sich eine Wohnung in London, wo ihr Sohn lebte. In den nächsten zehn Jahren verbrachte sie immer zwei Monate im Sommer in London und zwei Monate bei Freunden in Schweden, bis sie 1986 ganz nach London zog, um wieder in der Nähe ihres Sohnes zu sein.

Heute ist sie nicht nur die älteste Bürgerin der britischen Hauptstadt, sondern wohl auch die älteste Holocaust-Überlebende. Herz-Sommer, die noch vor wenigen Jahren Besuchern ohne Gehstock auf der Straße vor ihrem Haus entgegenkam, wohnt nach wie vor in ihrer eigenen Wohnung.

Quellen:
Melissa Müller & Reinhard Piechocki: Alice Herz-Sommer „Im Garten Eden inmitten der Hölle“. Ein Jahrhundertleben, München 2006, Droemer
Caroline Stoessinger: Ich gebe die Hoffnung niemals auf. Hundert Jahre Weisheit aus dem Leben von Alice Herz-Sommer, München 2012, Knaur

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